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Ein Schnäppchen Schnee
Sie war schon über 70 Jahre alt, immer elegant, lebte gerne in Künstlerkreisen und war eine gute Freundin. Bis an ihr Lebensende versorgte sie sich täglich mit einer kleinen Linie Koks. Nach dem Essen sagte sie zum Entsetzen der einen und zum Amüsement der anderen voll Unschuld: „Jetzt nehm´ ich mir mein Kokserl.“ Sie hatte sich diese gefährliche Unsitte in der Zeit vor dem Krieg angewöhnt, als die Droge noch nicht verboten war. Sie trug sie fortan in ihrer Tasche mit sich wie die verrückten Hüte auf ihrem Kopf. Wahrscheinlich hatte sie sich vor dem Krieg, als es den Pizzamann noch nicht gab, einen ganz besonderen Homeservice bestellt: „Gnädige Frau, der Mann mit dem Koks ist da!“ Dann musste sie zwei Jahre ihres Lebens im KZ Ravensbrück verbringen. Danach hatte sie sich von ihrer Lebensfreude verabschiedet. Sie war nicht reich, aber gut abgesichert, hätte ihren Wünschen nachgehen können, hatte aber nicht einmal mehr Spaß, ihren Hund auszuführen. Es blieb ihr diese kleine Linie Koks. Als sie einmal in München landete, damals noch in Riem, und der Zollbeamte fragte, was denn da in ihrer Tasche sei, antwortete sie voller Unschuld: „Mein Kokserl.“ Der verdutzte Beamte winkte sie durch. Natürlich hatte sie sich gesundheitlich schwer geschadet, aber es wäre mir in diesem einen und einzigen Fall nicht in den Sinn gekommen, die Freundin in hohem Alter und nach allem Erlebten noch mit Vorwürfen zu traktieren.
Ansonsten sieht das anders aus. Kokain ist inzwischen vernünftigerweise verboten. Gleichzeitig weiß man, dass es nicht nur die Kunstszene weiterhin reichlich konsumiert. Aus der Welt der biologischen Forschung hört man gerade, dass nun auch noch Chromosom 1 aufgeschlüsselt ist, längst sind wir auch gesellschaftlich die gläsernen Menschen, aber wie das Kokain von Kolumbien oder von sonst wo her nach Deutschland kommt, weiß man offenbar immer noch nicht. Ein Untersuchungsausschuss will nun endgültig klären, ob Gefangenen-Überflüge mit Genehmigung des deutschen Geheimdienstes stattfanden. Könnte man sich vielleicht mal darum kümmern, wer und was alles bei uns landet?
Im Moment heißt unser Promi-Kokser Reinhard Fendrich. Der hatte doch einen Hit mit „Es lebe der Sport, der gibt uns Kraft, der macht uns hort“. Und jetzt: „Mei Kokserl!“ Und davor: „Mei Scheidungsdepressionerl!“ Nicht umsonst, denkt man, hieß ein Fendrich-Song auch „Nix is fix“. Wie doch alles in sich zusammen stürzt!
Auch wenn sich mal ein Prominenter als Drogenkonsument outet, was ändert das schon an der Drogenszene? In einer Talkshow aus gegebenem Anlass erfuhr ich, dass jetzt, wenn sonst schon nichts billiger wird, so doch immerhin der Kokainpreis fällt. Statt 150,- € pro Gramm jetzt nur noch 50,- € - ein Schnäppchen Schnee. Daran wird auch eine höhere Mehrwertsteuer nichts ändern. Ich frage mich nur immer: „Woher kennen die denn alle die Marktverhältnisse? Woher wissen die denn das alles? Es ist doch illegal.“ Aber sie wissen es, und ihr koksender Nachbar auch.
Wir sind die Drogengesellschaft, deren Feindbild-Hobby die Raucher sind. Rauchen ist vollkommen schädlich, das ist wohl wahr, aber eben nur der Teil von einem Teil unserer gefährlichen Süchte. Das ist wie mit der Müllverbrennung. Wir trennen und trennen. Aber wann trennen sich die Müllverbrennungsanlagen von uns?
Nach solchen Überlegungen besuche ich gerne auf Aiderbichl unser Hängebauchschwein Biggy. Sie raucht nicht, sie kokst nicht, sie trinkt nicht. Aber wenn es ums Fressen geht… das ist halt eine Sucht, die zur Geschichte der Hängebauchschweine einfach gehört.
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